Meine erste Begegnung mit Freddy Krueger hatte ich an einem dunklen Winternachmittag in der Wohnung eines Jungen, den ich kaum kannte. Ich war wohl 13 und er etwa 15 Jahre alt. An seinen Namen erinnere ich mich nicht mehr, auch nicht daran, ob er auf meine Schule ging. Und ich gehe auch schwer davon aus, dass er sich nicht sonderlich über meinen Besuch freute. Eigentlich hatte er nämlich meine beste Freundin Maria zu sich eingeladen, weil er auf sie stand und seine Eltern nicht zu Hause waren. Sie bat mich, doch einfach mitzukommen, und nun war ich gleichzeitig Alibi für ihre Eltern und Begleitschutz für sie. Für ihn war ich sicher nur ein absolut überflüssiges fünftes Rad am Wagen, aber er ließ es sich nicht weiter anmerken.
Wir sahen den Film im Wohnzimmer. Wahrscheinlich hatte er sich andere Hoffnungen gemacht, als er sich dafür entschied, den ersten Teil der „Nightmare on Elm Street“-Reihe in den Videorekorder zu schieben. Doch er saß den ganzen Film über allein auf der Couch hinter uns. Maria und ich hatten uns nämlich auf dem Teppichboden zwischen Fernseher und Couchtisch breitgemacht. Wir hatten damals diese merkwürdige Phase, in der wir ständig auf Böden saßen: in den Pausen in den Schulfluren, in öffentlichen Gebäuden, selbst in U- und S-Bahnen oder an Straßenrändern, gefühlt überall. Ich muss immer in mich hineingrinsen, wenn ich heute Jugendliche irgendwo auf dem Boden sitzen sehe, wo man es eigentlich nicht erwartet. Diese Art Sitzrebellion scheint zur Pubertät dazuzugehören.
Bevor er auf Play drückte, warnte er uns noch mal explizit, dass der Film „echt heftig“ sei. Vielleicht in der Hoffnung, dass wir unsere Platzauswahl doch noch mal überdenken. Doch wir blieben fröhlich auf dem Teppich und fanden diesen neuen Horrorfilm richtig gut.
Nach dem Film wechselten wir in sein Zimmer. Dort hatte ich verdammt viel Zeit, es mir ganz genau anzusehen, denn irgendwann küssten sich die beiden plötzlich. So ein erster Kuss kann bekannterweise schon sehr lange dauern. Ich glaube, wir saßen dabei sogar alle drei auf seiner Couch, ich war dem Geschehen jedenfalls sehr nah. Selten in meinem Leben kam ich mir so überflüssig vor.
Es gibt leider nichts Relevantes über sein Jugendzimmer zu sagen. Er schien kaum Interessen zu haben. Zumindest keine sichtbaren. Ein paar kleine Poster an den Wänden, Musik oder Sport, jedenfalls nichts von Belang für mich. Sein Hochbett fand ich allerdings gut. Ich beneidete damals jeden, der ein Hochbett hatte. Es war aus hellem Holz und er hatte einige kleine und nicht sehr gelungene Graffiti mit Edding darauf gemalt. Die Wände waren natürlich weiß. Meine Zimmerwände waren zu der Zeit fliederfarben. Schwarz hatten mir meine Eltern nicht erlaubt, worüber ich mich erst geärgert hatte, aber später ganz dankbar war.
Es gab keine sichtbaren Bücher in seiner klassischen Jugendzimmer-Schrankwand. Er hatte einen kleinen fast leeren Schreibtisch.
Ich fand Marias neuen Schwarm, bis auf die gute Filmwahl, recht langweilig.
Maria sah das wohl ähnlich. Er verschwand kurze Zeit später aus unserem Leben.
Freddy Krueger hingegen sah ich häufiger wieder. Gleich nach dieser ersten Begegnung besorgte ich mir das Buch zum Film und später hing sogar ein kleines Poster von ihm eine Weile an meiner Wand.
Maria und ich ließen uns von älteren Geschwistern noch den Nachfolger aus der Videothek ausleihen, alle weiteren Fortsetzungen sah ich dann später im Kino, mit einer anderen Freundin oder meinem damaligen Freund. Das Crossover „Freddy vs. Jason“ und das überflüssige Remake (NUR Robert Englund ist Freddy Krueger) des ersten Teils gab es dann bereits im Streaming.
Natürlich war nicht jede Fortsetzung so unvergesslich und qualitativ gut wie dieses Original. Ein verbrannter Serienmörder, der Teenager in ihren Träumen ermordet, das gab es bis dahin noch nicht. Der Film ist erstaunlich gut gealtert, die Effekte waren noch handgemacht und wirken bis heute unheimlich überzeugend!
Während der zweite Teil für mich (und die meisten Fans) der schwächste der Reihe ist, sind die anderen Fortsetzungen solides Mittelfeld bis ziemlich gut.
Es ist nicht meine absolute Lieblings-Reihe, aber auf jeden Fall eine bemerkenswerte Horror-Saga, denn Wes Craven und Robert Englund haben mit Freddy Krueger eine unvergessliche Horror-Ikone geschaffen, die mich noch heute begeistern kann.

